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Einsichten eines Kendo-Schülers Print E-mail
Monday, 27 February 2006

tsuba zeriai

Als ich neulich in einem Buch blätterte, das ich 1986 geschenkt bekommen hatte, ist mir folgende Passage aufgefallen, die ich für sehr lesenswert halte.

Die Ausführungen sind die Erfahrungen eines jungen Mannes aus Glasgow, der nach mehreren Jahren des Trainings in Großbritannien beschloß, nach Japan zu ziehen. Nachfolgend finden Sie einen Ausschnitt seiner Kendo-Erfahrungen:

 

"In Japan unterrichtet der Lehrer nicht gerne mit Worten. Er schlägt dich auf die Stelle, an der deine Schwäche liegt; er schlägt dich so lange auf diese Stelle, bis deine Schmerzen dich dazu bringen, diese Schwäche zu beseitigen. Beim Kendo ist meine Schwäche das Handgelenk; also schlug mich der Kendo-Meister immer wieder auf das Handgelenk. In Japan wird nicht viel erklärt. Ich glaube, daß man im Westen vorzugsweise mit wortreichen Erklärungen lehrt. In Japan bestehen Erklärungen in Schlägen, so daß man durch Schmerzen lernt.

Natürlich wird man von den Lehrern nicht die ganze Zeit geschlagen. Man wird ermuntert. Es wird niemand fertiggemacht; beim Kendo gibt es keine Gewalt und keinen Zorn. Man wird geschlagen, damit man etwas lernt. Beim Kendo wird man gelehrt, zu lieben.

Ich kam mir fast wie ein Fremdkörper vor, als ich zum ersten Mal in das Dojo ging, aber alle waren ungemein freundlich zu mir. Der Unterricht ist auf einem außerordentlich hohen Standard, und wenn die Lehrer sehen, daß man wirklich interessiert ist und etwas lernen möchte, wird einem auch etwas beigebracht. Es kommen viele Ausländer nach Japan und möchten irgendeine moderne Kunst lernen; wenn sie dann zum ersten Mal getroffen werden oder Schmerzen empfinden, geben sie sofort auf und wollen nichts mehr davon wissen. In Japan ist es wichtig, immer weiterzumachen, egal, wie schlecht man ist oder für wie schlecht man sich hält. Wenn der Lehrer sieht, daß man wirklich ernsthaft bei der Sache ist, kommt er einem auf halbem Wege entgegen; die andere Hälfte des Wegs muß man selbst gehen. Dann kann man wirklich Fortschritte machen.

Der westliche Mensch ist zu selbstgefällig. Wenn einem beim Kendo Schmerzen zugefügt werden, ist nicht so sehr der Körper verletzt als das Selbstwertgefühl. Wenn das Selbstwertgefühl verletzt ist, haben die Leute genug. Wenn man jedoch andere besiegen will, muß man zunächst sich selbst besiegen, und das bedeutet, daß man seine Schwächen überwinden muß. Kendo ist kein Kampf mit einem Gegner. Kendo ist ein Kampf gegen sich selbst, gegen seine eigenen körperlichen, geistigen und seelischen Schwächen. Wenn man einmal über das Anfängerstadium hinausgekommen ist, kann man sehr viel stärker werden, nicht nur körperlich, sondern auch hinsichtlich seiner Willenskraft.

Als ich hierherkam, fühlte ich mich sehr elend. Es war ein feindseliges, fremdes Land, und ich war oft nahe daran, wieder heimzukehren, aber ich wollte weitermachen. Mein Wunsch, mich hier zu behaupten, war größer als meine Sehnsucht nach Hause, und so machte ich weiter."

Es gibt sehr unterschiedliche Gründe dafür, warum junge Menschen beschließen, einen Teil ihrer Freizeit dem Studium einer Kampfkunst zu widmen. Bei vielen asiatischen Meistern, mit denen wir sprachen oder über die wir lasen, begann es damit, daß sie sich für zu empfindlich, kränkelnd oder schwächlich hielten. Schüler, die nicht nach wenigen Stunden wieder aufhören, entdecken bald, daß hinter ihren Erfahrungen eine tiefere Bedeutung steckt:

"Bevor ich mit Kendo begann, war ich aggressiv, äußerst aggressiv sogar. Ich begann Kendo zu lernen, weil ich sehr dick war, und nachdem ich abgenommen hatte, begann ich mich für die geistige oder seelische Seite des Kendo zu interessieren. Man kann hier wirklich ein anderer Mensch werden. Kendo wird zum Lebensinhalt. Es ist nicht einfach ein Freizeitvergnügen wie irgendeine Sportart. Für die Japaner ist Kendo geistiges Training, und genau dieser Aspekt der Kunst begann mich zu interessieren. Die Wurzel der Aggression ist die Angst. Wer aggressiv ist, ist von innerer Angst erfüllt. Nach einigen Jahren harten Trainings kommt man davon los. Ich übe mich jeden Tag im Kampf und brauche ihn nirgendwo anders. Ich möchte nur im Dojo kämpfen und nicht anderswo. Ich muß ein rechtes Ekel gewesen sein, bevor ich nach Japan kam. Heute bin ich sehr viel ruhiger und gelassener, sehr viel vollständiger, weil ich ein Ziel gefunden habe.

Aggressives Auftreten gegenüber anderen und hin und wieder bei einer Schlägerei mitmischen - damit fällt man in Glasgow gar nicht auf. Bevor ich mit Kendo begann, war ich nur aggressiv, ohne kämpfen zu können. Man kann diese Aggressivität in konstruktive Bahnen lenken, so daß man schließlich einen Nutzen davon hat, und so habe ich mich schließlich von der Gewalt losgesagt. Heute kann ich kämpfen, aber ich habe keinen Ehrgeiz, dieses Können anzuwenden.

Das Training ist hier in Japan sehr viel härter als in England. Es ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig anstrengend. Einmal, aber nur ein einziges Mal, wurde ich in Japan von einem Lehrer angegriffen. Sie tun dies manchmal, um zu sehen, wie und wie schnell man reagiert; wenn man sich nicht überraschen läßt und sofort kontert, sind sie beeindruckt.

Im Dojo benimmt man sich ordentlich. Man singt nicht, man pfeift nicht, man raucht nicht; man verhält sich respektvoll. Dieser Respekt für das Dojo geht über die bloße Etikette hinaus, die im Übungsraum beachtet wird. Er durchdringt das Denken und Handeln des Schülers während des Trainings. Dies wird besonders wichtig, wenn sich zwei Schüler im Übungskampf gegenüberstehen:

Men Uchi Das Üben mit einem Gegner nennen die Japaner 'einen Ausdruck haben', was bedeutet, daß jedesmal das letzte Mal ist; jeder Kampf ist der letzte Kampf; es ist also ein ernsthafter Kampf, den man mit Entschlossenheit führt. Man darf in keiner Weise nachlässig sein. Auch wenn man den Betreffenden in einem früheren Kampf bereits einmal geschlagen hat, muß man dennoch aufmerksam und auf der Hut sein und Respekt vor seinem Gegner haben. Man muß gespannt sein wie eine Feder, die jederzeit losschnellen kann, so daß man, wenn man eine Schwäche bei seinem Gegner entdeckt hat, diese sofort ausnutzen kann. Gelächelt wird hier nicht. Es gibt hier nichts zu lachen. Es ist eine Sache von großem Ernst, wenn man einem Gegner Mann gegen Mann gegenübersteht. In der Gruppe, wo man nur einer unter vielen ist, ist die psychologische Herausforderung nicht so groß. Nach dem Kendo-Training ist man immer sehr erschöpft.

Richtiges Atmen erleichtert es, diese seelische Einstellung zu finden. Man atmet tief in den Unterleib ein und benutzt diesen Atem als Feder. Der Geist muß vollkommen konzentriert sein. Man muß in der Lage sein, mit seinem Atemzug eine Technik einzuleiten und auszuführen, um wieder für die nächste Aktion bereit zu sein."

Nach Monaten oder auch Jahren des Übens bemerkt der Schüler, daß eine ungeahnte innere Integration stattfindet. Geist, Körper (der in diesem Fall auch das Schwert einschließt) und Wille werden zu einem einzigen Wollen verschmolzen. Im Zen-Buddhismus ist dies der Zustand des "Erleuchtet-seins". "Der höchste geistige Triumph ist es, mit seinem Schwert eins zu werden. Die Japaner haben dafür einen Ausdruck: Sie sagen, daß Geist, Schwert und Körper eine Einheit bilden. Man schlägt nicht erst mit dem Schwert, und dann mit dem Körper. Alles, d.h. Körper, Schwert, Geist und Wille müssen eins sein. Dies ist sehr schwer zu erreichen. Man muß es Jahr um Jahr versuchen, und eines Tages geschieht es plötzlich. Wenn man es bewußt tun will, gelingt es nicht. Wenn man sich entspannt, geschieht es eines Tages wie aus heiterem Himmel. Man muß in seinen Lehrer vollstes und unerschütterliches Vertrauen haben. Es ist sehr wichtig, einen guten Lehrer zu nehmen, und mir ist dies zum Glück viele Male gelungen. Wenn man einige Schüler beobachtet, kann man genau sagen, wer ihr Lehrer war, weil sie dessen Stil übernommen haben. Man kann einem Kendo-Kämpfer zusehen und sagen, daß dieser oder jener sein Lehrer war. In gewisser Weise gleicht dies dem Ereignis der Erleuchtung beim Buddhismus.

MantisIm Grunde verfolgen Kendo und Zen-Buddhismus das gleiche Ziel, nämlich die Auflösung des Ichs. Die Mönche des Zen-Buddhismus sitzen und meditieren; im Kendo erreicht man das gleiche Ziel: das Nicht-Seiende, das Nicht-Denken. Wenn man den Geist von allen Gedanken befreit, erreicht man eine geistige Ebene, auf der man sich weit über allen anderen befindet. Dies hat nichts mit irgendeiner Überlegenheit zu tun. Ich meine einen Zustand der geistigen Erhebung. Während des Trainings und danach denkt man nicht. Man denkt an nichts. Sobald einem jedoch klar wird, daß man ohne Gedanken ist, denkt man schon wieder und man ist wieder da, wo man angefangen hat.

Beim Kendo muß man die Bewegungen so oft üben, bis sie automatisch ablaufen wie das Atmen oder der Lidschlag. Dein Gegner setzt zum Schlag an, man unternimmt automatisch etwas, und anschließend fragt man sich: "Was habe ich jetzt eigentlich getan?" Wenn man daran denkt, was der Gegner tut, hat dieser schon eine Gelegenheit zum Schlagen. Wenn man nicht denkt und sich entspannt, dabei aber wach und aufmerksam bleibt, kommen die Techniken automatisch. Man strebt also mit anderen Worten danach, die Vorgänge des Abwägens und der Entscheidungsfindung vollständig auszuschalten, die normalerweise zwischen Wahrnehmung und Reaktion liegen.

Dieser gedankenleere Zustand bedeutet natürlich nicht, daß die rein animalischen Instinkte die Aktionen und Reaktionen diktieren. Es ist vielmehr so, daß das bewußte Abwägen wegfällt und dafür die völlige Wachheit des Geistes die Kontrolle über die eigenen Handlungen übernimmt: "Wer beim Kendo seinen Instinkten folgt, erleidet nur Niederlagen. Wenn dein Gegner zu einem Schlag gegen deinen Kopf ausholt und du abwehrend die Hände hochhebst, schlägt er dich woanders hin. Vor allem Anfänger lassen sich von ihren Instinkten leiten und erheben zum Schutz ihre Hände, so daß ihr Körper für Angriffe entblößt ist. Man muß beim Training seine Instinkte überwinden und einen Angriff unbeirrt auf sich zukommen lassen. Beim Kendo kann man einen Gegner durch seine bloße Anwesenheit besiegen. Wenn man sich jemandem gegenübersieht, der einige Grade höher steht, kann man geistig schon geschlagen sein, bevor man überhaupt einen Streich geführt hat. Solche Reaktionen muß man überwinden. Man darf sich nicht durch den Grad oder die Ausrüstung eines Gegners oder durch dessen selbstbewußtes Auftreten beeindrucken lassen. Dies sind nur ä;ußerlichkeiten, die man ignorieren muß. Man muß in den Geist, in das Herz, in die Augen des Gegners sehen. Man muß ihn so sehen, wie er ist. Mit anderen Worten, man muß nicht nur sein eigenes Ich, sondern auch das seines Gegners überwinden.

Seiza Die geistige Einstellung ist außerordentlich wichtig. Sie kann dafür entscheidend sein, ob man seinen Gegner oder sich selbst besiegt, ob man gewinnt oder verliert. Wer sich mit dem Gedanken einläßt, daß der Gegner sehr viel besser ist als man selbst, ist schon geschlagen. Man ist psychologisch besiegt, bevor man einen Streich geführt hat. Es gibt eine besondere Art von Bescheidenheit, die man sich aneignen muß, wenn man beim Kendo Erfolg haben will. Einer meiner Lehrer ist ein sehr schüchterner, ruhiger, bescheidener Mann, aber sein Kendo ist verblüffend. Er hat die wahre Haltung. Ich möchte so werden wie er; doch er übt schon sein ganzes Leben lang. Wenn man sagt: 'Ich möchte ihm gleichwerden', lädt man eine große Verantwortung auf die Schultern seines Meisters. Ich bin sicher, daß alle Schüler dieses Meisters so werden möchten wie er. Es ist wohl nicht leicht für ihn, so bescheiden zu bleiben, wenn ihm so viel Respekt entgegengebracht wird.

Was die Schüler an ihm so bewundern, sind ganz bestimmte Eigenschaften, die ihn vor allen anderen auszeichnen. Der Kendo-Lehrer ist wie die Karotte, die vor der Nase des Zugtiers baumelt. Man möchte so werden wie er, und man gibt sich deshalb alle Mühe. Er kommt einem auf halbem Wege entgegen. Er ermutigt einen, es ihm gleichzutun."

Ein wahrer Lehrer der Kampfkünste hat es nicht nötig, seiner Eitelkeit zu schmeicheln, indem er die Verehrung seiner Schüler kultiviert oder diese dadurch beeindruckt, daß er ständig seine Überlegenheit zur Schau stellt. Unser Schüler erzählte, was sein Meister vor kurzem für ihn tat:

'Einer meiner Kendo-Lehrer gewann einen Wettbewerb, und er erhielt eine Medaille. Es war ein wunderschönes Stück, und er schenkte sie mir. Später sagte er mir, daß man so etwas eben tut, wenn man einen guten Schüler hat und möchte, daß er genauso gut wird wie man selbst ist. Man gibt ihm die Auszeichnung als Ermunterung: 'Du sollst so gut sein wie ich.' So habe ich nun eine Medaille für einen Wettbewerb auf der Ebene des siebten Dan, aber ich habe gar nicht gekämpft. Es war eine überaus freundliche Geste, die mir ebenso schmeichelte, als wenn ich den Wettbewerb gewonnen hätte. Wenn dies tatsächlich der Fall gewesen wäre, hätte ich die Auszeichnung nicht weggegeben; ich würde sie immerzu vor mir haben und betrachten wollen. Mein Lehrer hatte die wahre Bescheidenheit, weil ihm die Medaille nichts bedeutete.

Kendo wird zum Lebensinhalt eines Menschen. Es beeinflußt dein Verhalten im Dojo; es beeinflußt das Benehmen anderen Menschen gegenüber, den Respekt, den man ihnen erweist, und wie höflich man ihnen außerhalb des Dojos begegnet. Es wirkt auf alle Bereiche deines Lebens... Wenn Kendo nichts weiter als ein Sport wäre, wäre ich nicht nach Japan gekommen. Natürlich gibt es auch eine sportliche Seite des Kendo, und es ist auch erfreulich, einen Kendo-Wettbewerb zu gewinnen. Beim normalen täglichen Üben geht es jedoch darum, an sich selbst zu arbeiten. Es ist eine geistige, spirituelle und physische Selbstdisziplinierung.'

Die Passage stammt aus: Der Weg des Kriegers

von Howard Reid und Michael Croucher
234 Seiten
Erscheinungsjahr: 1986
ISBN: 3880342857